Pressespiegel: dpa-Meldung vom 4.9.2004

Künstler kämpfen für Erklärungstafeln an "Judensau"-Reliefs

(Regensburg/dpa) - Am Regensburger Dom befindet sich ein Relief, das eine "Judensau" zeigt. An der schon brüchigen Steinfigur sind zwei Juden zu erkennen, die von einer Sau gesäugt werden. Das Wort "Judensau" wollten zwei Münchner Aktionskünstler eigentlich auf's Pflaster vor dem Dom pinseln, um so auf die antisemitische Skulptur hinzuweisen. "Judensau"- Darstellungen gibt es an mehr als 20 weiteren Kirchen und öffentlichen Gebäuden in Deutschland. In Regensburg hat sich darüber ein Streit entzündet.

Künstler kämpfen für Erklärungstafeln an «Judensau»-Reliefs

Von Silke Droll, dpa

(Regensburg/München/dpa) - In Regensburg kamen sie nur bis zum «J», dann schritt die Polizei ein. Das Wort «Judensau» wollten zwei Münchner Aktionskünstler eigentlich auf das Pflaster vor dem Dom pinseln, um so auf eine antisemitische Skulptur an der Kathedrale aufmerksam zu machen. Seit dem Mittelalter ist dort ein steinernes Schwein zu sehen, an dessen Zitzen Juden saugen. Ähnliche diskriminierende «Judensau»-Darstellungen gibt es an mehr als 20 weiteren Kirchen und öffentlichen Gebäuden in Deutschland.

Eine «antisemitische Schweinerei» ist das, findet Wolfram Kastner.

Er und sein Kollege Günter Wangerin vom Münchner «Institut für Kunst und Forschung» kämpfen seit drei Jahren dafür, dass an den jeweiligen Gebäuden Tafeln mit Erklärungen und Worten des Bedauerns angebracht werden. Doch bis jetzt sei dies nur an drei Orten geschehen. «Ich verstehe nicht, warum sich die Verantwortlichen der Kirchen auch nach Jahrhunderten nicht davon distanzieren», sagt Kastner.

Das verhöhnende Motiv mit dem intimen Miteinander von Mensch und Tier verletze religiöse Gefühle in besonderer Weise. Denn das Schwein ist für Juden nicht koscher. «Bei Judenverfolgungen zwang man Juden immer wieder dazu Schweinefleisch zu essen», erklärt der Theologe Oliver Gußmann, der sich intensiv mit dem Thema beschäftigt hat. Das rassistische Motiv zieht sich bereits durch Jahrhunderte. Auch Martin Luther schürte in seinen Predigten mit der «Judensau»- Metaphorik den Hass gegen die Andersgläubigen. So ist auch eine der bekanntesten «Judensau»-Darstellungen an der Stadtkirche von Wittenberg zu sehen.

«Das wirkt alles weiter bis heute», sagt Kastner. «Zwar weiß kaum jemand etwas zur Herkunft, aber das Wort kennt jeder.» Heute benutzen Neonazis den «Judensau»-Ausdruck.

Die in Bayern lebenden Juden sehen die unkommentierten Spott-Skulpturen nicht gerne. «Ich wünsche mir, dass die Reliefs mit Hinweistafeln versehen werden», sagt der Präsident des Landesverbands der israelitischen Kultusgemeinden, Josef Schuster. Er erwarte nicht unbedingt das Wort Entschuldigung, aber eine «eindeutige Distanzierung vom Inhalt».

Nicht einmal dazu war die Regensburger Diözese zunächst bereit. Nach den öffentlichen Forderungen des Münchner Künstler-Duos hieß es, das Bistum habe die Steinplastik am Dom nicht zu verantworten. Eine Tafel mit Erläuterungen wäre «kontraproduktiv». Mittlerweile sind Bistum, Landesverband und Kultusministerium, das für den staatlichen Dom die Oberaufsicht hat, «im Gespräch.» An der Cadolzburg bei Fürth, wo die «Judensau» direkt am Eingangstor prangt, hat der Künstler-Aufstand Früchte getragen. Das dafür zuständige Finanzministerium hat mittlerweile einen Erklärungstext anbringen lassen. Proteste am Kölner Dom, der Nürnberger Sebalduskirche und der Klosterkirche in Heilsbronn hätten dagegen nichts bewirkt. Weitere unkommentierte «Judensau»-Skulpturen gibt es zum Beispiel in Bad

Wimpfen, Bayreuth, Erfurt oder Eberswalde.

Öffentliche Aktionen haben Kastner und Wangerin demnächst an Kirchen in Magdeburg und Zerbst bei Leipzig geplant. Statt mit Pinsel und Farbe wollen Kastner und Wangerin in Zukunft auch mit juristischen Mitteln weiter kämpfen. «Die Skulpturen erfüllen den Tatbestand der Volksverhetzung», sagt Kastner. Die Künstler wollen gegen Verantwortliche der staatlichen Stellen, der katholischen und der evangelischen Kirche Strafanzeige erstatten. Die Ermittlungen gegen die Künstler selbst auf Grund der versuchten Protest-Malereien in Regensburg verliefen im Sande. «Die Farbe war ja auch wasserlöslich.»