Leserbriefe

Die beiden Leserbriefe zum Bericht "Streit um die Judensau" vom 27. März stehen als Beispiele für gegensätzliche Positionen im Umgang mit den antisemitischen "Judensau"-Skulpturen.

Quelle: Nordbayerischer Kurier Bayreuth vom 7./8. April 2001.

Der Artikel:
Antijüdische Spottskulptur bleibt an Kirchenfassade

Bayreuth (epd). Die verwitterten Reste einer antijüdischen Spottskulptur an der Fassade der evangelischen Stadtkirche in Bayreuth sollen nicht entfernt werden. Dies würde einem "ungeschichtlichen Umgang mit einem historischen Denkmal" entsprechen, heißt es in einer am Freitag veröffentlichten Erklärung des Kirchenvorstands. Eine Tilgung aller antijüdischen Elemente in der Kunst würde zur Zerstörung vieler Kulturgüter führen.

Die Skulptur, eine so genannte "Judensau", hatte zuvor den scharfen Protest eines oberfränkischen Theologen ausgelöst. Als Alternative zur radikalen Entfernung der Skulptur hatte er eine Gedenktafel. mit "eindeutigem Bußcharakter" vorgeschlagen. Der Kirchenvorstand lehnte jedoch die geforderte Gedenktafel ab. Die Sandsteinskulptur soll nach Willen des Gremiums "ihrer weiteren Verwitterung anheim gegeben werden".


1. Leserbrief:

Ich finde es erschreckend, wie ein Mann, der sich dem Christentum zugehörig fühlt, einen evangelischen Pfarrer deswegen diffamiert, weil er auf wunde Stellen seiner Kirche (nge-schichte) hinzeigt. Der Schreiber des Leserbriefs bezichtigt Pfarrer Klaus Rettig der Aufsässigkeit, der Unkenntnis der Geschichte, der Kurzsichtigkeit, der Vernichtungswahnsinnigkeit und schließlich der Streitsüchtigkeit.

Das sind so mundschäumende Geschosse, mit denen man seine Brüder fertig macht. Sachlich ist das jedenfalls nicht. Worum geht es? Es geht um die unermessliche Arroganz jener Menschen und Machthaber, die sich erdreisteten, ausgerechnet im Namen des jüdischen Gottessohnes aus Nazareth zu sprechen und ihre antijüdischen Niederträchtigkeiten auch noch in Stein hauen ließen. Das Christentum hat seine Wurzeln im Judentum. Wer diesen Glauben verächtlich macht, beraubt sich seiner Quelle. Anstatt dass wir uns zu den Verbrechen in der nahezu 2000-jährigen Kirchengeschichte bekennen (siehe Karlheinz Deschner "Kriminalgeschichte des Christentums"), die im Namen Jesu begangenen Verfolgungen, insbesondere an Menschen jüdischen Glaubens, bereuen und das auch deutlich machen, wird steinern an der "Judensau" festgehalten.

Es geht nicht um Bilderstürmerei. Es geht um ein Sich-klar-Werden darüber, woher wir kommen und wohin wir wollen. Die Frage ist nicht, ob dieses Schandmal entfernt wird. Die Frage ist: Wie gehen wir damit um? Eine Tafel, die diese mörderischen Verirrungen in der Kirchengeschichte benennt, wäre eine Möglichkeit.

Rudolf Waschke, Eckersdorf

2. Leserbrief:

Ich denke, er ist ein Wichtigtuer, dieser Dorfpfarrer Rettig aus Speichersdorf. Zu vergleichen ist er mit der Taliban-Bewegung in Afghanistan, die die Buddha-Statuen, "ein Weltkulturerbe", dem Erdboden gleichmachte (Kulturschänder). Alles, was in Deutschland im Mittelalter, früher oder später gebaut wurde, gehört zu unserer Kultur.

Wenn Pfarrer Rettig meint, er müsse in pharisäerhafter Weise in unserer Kultur was ändern, sollte er sich doch besser die 2000-jährige Geschichte des christlichen Glaubens vornehmen. Er wird feststellen, dass der christliche Glaube eine einzige Blutspur ist, dass alle Feiertage aus vorchristlicher Zeit geklaut sind. Einige Beispiele: Die Konquistadoren in Südamerika töteten qualvoll die Indios, und der Rest wurde zum christlichen Glauben gepresst. Im Mittelalter wurden die "Hexen", die Elite, die das damalige Wissen besaß, durch Verbrennen auf den Scheiterhaufen ausgerottet. Im Dritten Reich wurden sogar die Waffen geweiht, aber das hat auch nichts geholfen, der Krieg wurde verloren.

So ganz nebenbei, die Kirchensteuer, die immer noch durch den Staat eingezogen wird, ist ein Relikt aus dem Dritten Reich und gehört endlich abgeschafft. Mein Vorschlag ist, Pfarrer Rettig kümmert sich um das Wohlergehen seiner Gemeinde, segnet Wald, Feld und Flur, bittet seinen Gott um eine reiche Ernte und um Wohlstand für alle Menschen auf der Welt, aber die Judensau bleibt wie sie jetzt ist.

Horst Fischer, Bayreuth